Coming home

Eine Geschichte über’s (zu frühe) Heimkommen

Tage-, schon fast wochenlang zögere ich diesen Beitrag hinaus. Mir fallen immer neue Dinge ein, die ich in diesen Artikel hineinbringen könnte, Sachen, die ich erzählen will. Zuerst dachte ich, ich muss es sofort in Angriff nehmen, weil die Gefühle am realsten sind, danach habe ich gedacht, dass eine Art Rückblick auch nett sein könnte. Wie dem auch sei, mach dich bereit, jetzt ist es so weit:

Ich bin wieder daheim.

Ja, genau. Bei meiner Familie in meinem Kinderzimmer. Außer meinen Eltern und den anderen Reisenden, die ich in Thailand getroffen habe, hat es niemand gewusst. Nicht einmal mein Freund. Das erste Telefonat zwischen uns lief ungefähr so ab:

„Rate mal, wo ich gerade bin?“ – „Keine Ahnung.“ – „Ich bin daheim.“

Danach kam eine Stille. Eine gaaaanz lange Stille. Er dachte ja, ich sei nach Bali geflogen. Ich grinste nur so vor mich hin und suhlte mich in meiner Position, in der ich alle überraschen konnte. Völlig perplex und sprachlos legte er dann auf und musste sich erst einmal ein paar Stunden sammeln, bevor er sich dann freuen konnte. Dann aber so richtig.

Am gleichen Tag dann besuchte ich, wie es der Zufall so wollte, auch meine ganze Familie, weil es einen Geburtstag zu feiern gab. Tür auf – Simone steht da:

„Überraaschuung!!“

Mit einem riesen Grinser am Gesicht konnte man fast die Kinnladen hören, die nach der Reihe runterpurzelten. Meine Oma fragte mich sogar, ob ich wirklich hier sei oder ob das nur ein Geist sei! Sie freuten sich alle so unglaublich, dass ich gesund und munter zurück bin und es war erst mal uninteressant, warum ich eigentlich schon da bin.

Die letzten Stunden vor dem Heimflug

Ich habe mich auf eine über 30-Stunden dauernde Reise begeben, um in der geliebten Heimat anzukommen. Von Koh Phangan auf das Festland in Thailand, von dort dann zum Flughafen, dann nach Bangkok fliegen, dort den Flughafen wechseln, dann nach Dubai und schließlich dann den letzten Flieger nach Wien, wo mich mein Papa erwartet hat. Den Flug hatte ich erst drei Tage vorher gebucht.

Nach dem Buchen des Fluges bekam ich einen Ohrwurm, der mich seitdem des öfteren begleitet hat und mich so unglaublich tief berührt hat. Dieses Lied ist für mich der Inbegriff der nächsten Tage geworden. Jedes mal, wenn ich daran gedacht oder es gehört habe, schossen mir die Tränen in die Augen und ich hatte dieses unglaubliche Gefühl in meiner Herzgegend, dass es die richtige, aber auch gleichzeitig eine verdammt harte Entscheidung für mich war.

Im Bus zum ersten Flughafen habe ich dann noch einen Italiener kennengelernt, mit dem ich die Wartezeit mit Kartenspielen verbracht habe. Ich sagte zu ihm sicher 10 mal, wie sehr ich mich doch darauf freue, heimzukommen und wie ich es nicht mehr erwarten kann, allen in den Arm zu fallen und vor allem, dass ich keine Lust hatte, so lange zu fliegen, weil ich mich am liebsten sofort heimbeamen möchte.

Als mir dann aber irgendwann unglaublich schlecht wurde von einem scharfen Essen am Boot, nahm ich Reisetabletten, die mich müde machten und die Zeit verging – im wahrsten Sinne des Wortes – wie im Flug.

Warum eigentlich jetzt schon?

Wie du vielleicht weißt, wenn du mich oder diesen Blog kennst, war meine Reise eigentlich länger geplant. Um genau zu sein, viel länger. Und nun bin ich nach über einem Monat, anstatt der angepeilten 2,5 Monate wieder daheim.

So what happened?

Nix is‘ passiert.

Also nichts Weltbewegendes, wie eine Krankheit oder Naturkatastrophe. Gut, ich wurde bestohlen, aber das war mir herzlich egal, da es sich nur um Bargeld handelte. Da merkte ich übrigens, wie unwichtig Materielles im Gegensatz zu Gefühlen und Beziehungen ist, weil es mich überhaupt nicht juckte.

Nein, nichts Oberflächliches ist passiert. Aber in meiner eigenen, kleinen Welt ist viel passiert. Vor allem da oben im Kopf und da beim Herz.

Seit dem Moment, in dem ich zurück nach Thailand flog, um mich auszuruhen, begleitete mich so ein komisches Gefühl den ganzen Tag, das ich absolut nicht beschreiben konnte, mir aber den Tag und die Nacht schwer machte.

Ein unidentifizierbares Unwohlsein

Auf jeden Fall machte dieses Gefühl mit mir, dass ich nichts mehr genießen konnte, die ganze Zeit nur in meinem Kopf war, sich alles nutzlos anfühlte und ich keinen Ausweg sah. In ein anderes Land reisen? Hätte auch keinen Unterschied gemacht. Nichts hätte mich in dieser Situation zufriedenstellen können, alles war eine Art Quälerei.

Ich habe mein kleines, aufgebautes Netzwerk an Menschen in Thailand und Laos hinter mir gelassen und mich wieder in das Bodenlose geschmissen. Es war die richtige Entscheidung, ja, aber es war auch verdammt schwer. Anfangs wollte ich einfach alleine sein und zur Ruhe kommen und dann kamen da wieder diese Komplexe, dass alle schon in einer Gruppe seien und sich keiner für mich interessiert, und es mir unglaublich schwer fiel, wieder auf Leute zuzugehen.

Auch nach unzähligen Versuchen zu meditieren, spazieren zu gehen, Musik zu hören und zu schreiben, um mich wieder aufzupäppeln, gelang irgendwie nichts so recht, um mich ganz tief drinnen wieder gut zu fühlen. Und so kam es, wie es kommen musste.

Ich saß am Food Market im Zentrum von Koh Phangan und mir rollten die Tränen runter. Ich saß zwar mit meiner Nutellawaffel und Smoothie in einem wunderschönen Land, das so viel zu bieten hat, aber ich fühlte mich einfach wie der einsamste Mensch, den es je auf der Welt gegeben hat. Für Außenstehende lebte ich gerade einen Traum, aber es ist eben nicht alles Gold was glänzt.

Tränenüberströmt fuhr ich dann mit meinem Moped zurück zum Hostel, wollte mich nur noch an den Strand legen und weiterweinen. Endlich kam alles raus, was die ganze Zeit schon da war. Und ich wollte es nicht einmal unterdrücken, es musste einfach raus.

Der Versuch mich wieder zu erden

Danach nahm ich all meinen Mut zusammen und versuchte, positiv zu denken und befreundete mich mit ein paar Leuten an, die ich am Pool kennenlernte. Wir verbrachten auch sehr coole Tage miteinander, aber es reichte trotzdem nicht, um mich wieder ins Reine zu bringen.

Und so entschied ich mich für ein Yoga & Meditationsretreat auf der Insel, über welches ich genau an jenem Food Market gestolpert bin. Das Samma Karuna Awakening & Healing Center brachte wunderschöne Bilder auf den Bildschirm und ein paar Tage später meldete ich mich für den nächsten Tag an.

Es folgte eine Zeit des extremen Hochs und noch extremeren Tiefs. Und das mehrmals innerhalb eines Tages. Ich genoss die angebotenen Kurse sehr und die Leute waren auch extrem nett dort (einen ausführlichen Bericht gibt es dann in einem anderen Eintrag) aber kaum war ein Kurs zu Ende und ich ging zurück in meinen Bungalow setzte wieder dieses komische, bedrängende Gefühl ein. Es wollte einfach nicht aufhören. Irgendetwas hinderte mich daran, mich gut zu fühlen.

Die Entscheidung

Und so kam ein nächster Abend, wo ich vor lauter Traurigkeit nicht mehr wusste, was ich machen sollte. Ich telefonierte mit meinen Liebsten zuhause und nach stundenlangen Erklärungsversuchen, warum es mir nicht gut geht und was ich nicht tun könnte, um die Situation zu verbessern, entstand der Plan heimzukommen.

Ich hatte das nicht einmal in Erwägung gezogen, für mich gab es nur Gedanken, wie ich meine verbleibende Zeit auf Reisen gut verbringen könnte. Ich wollte es auch zuerst überhaupt nicht, weil ich es als Aufgeben verbuchte oder Gedanken hatte, was wohl mein Umfeld über mich denken würde.

Aber letztendlich war das alles egal, weil es mir gut gehen muss und es mir echt egal sein kann, was andere von mir halten. Es war im Nachhinein gesehen, die einzig richtige Entscheidung in diesem Moment.

Und weißt du was?

Von dem Moment an, wo ich auf den Buchungsbutton geklickt habe, ging es mir schlagartig besser. Viel besser. Auf einmal genoss ich jede Minute, die ich hatte, war im Reinen mit mir selber, konnte aus tiefer Ehrlichkeit lachen, Freude verbreiten und das Leben genießen, die Menschen um mich herum genießen und einfach durchatmen. Es war, wie wenn ein 900 kg schwerer Stein von meinem Herzen gefallen wäre.

Ein Erklärungsversuch meines Gefühlszustandes

Im Nachhinein, nach viel Zeit zur Verarbeitung und des Runterkommens bin ich glaube ich der Antwort näher gekommen, was da abgelaufen ist in dieser Zeit.

Ich fühlte mich nirgends zugehörig, hatte keine Ziele, keine Pläne, keine Routine, keine Menschen, die mir eine Sicherheit geben könnten, in diesem ständig wechselndem Umfeld. Ich wusste am gleichen Tag oft nicht, was ich in einer Stunde machen werde. Was ich essen werde. Mit wem ich beisammen sein werde. Wo ich heute Nacht schlafen werde. In welches Land ich morgen fliegen werde.

Manche würden es als ultimative Freiheit bezeichnen. Das kann es auch sein. Für mich persönlich war es aber am Ende meiner Reisezeit kein Gutes mehr. Ich brauchte eine bestimmte Art von Stetigkeit, es hätte auch nur eine Person sein können, mit der ich gemeinsam unterwegs bin.

Ich entwickelte mich so extrem weiter und lernte eine so unglaubliche Wucht an Dingen in diesem Monat, dass ich gar nicht die Zeit hatte, all das zu verarbeiten, weil ständig neue Eindrücke hereinprasselten. Man will die Zeit, die man hat schließlich auch nutzen.

Und diese Unstetigkeit in meinem persönlichen Charakter gepaart mit einem unstabilen Umfeld auf Reisen war einfach zu viel. Ich brauche zumindest eine sichere Komponente.

Und in meinem Fall war das zurückzukommen, von liebevollen Menschen, die mich schon seit Ewigkeiten kennen, umgeben zu sein, im vertrauten Land zu sein, vertrautes Essen zu genießen, eine vertraute Sprache zu sprechen und einfach diese Komponente einfach sein zu lassen. Sich nicht anstrengen zu müssen.

Ob ich das Reisen jetzt abschreibe?

Seitdem das alles passiert ist vertraue ich wieder in mich selbst, fühle mich stark, so eine Entscheidung getroffen zu haben, weiß, dass es genau der richtige Zeitpunkt war, denn es gibt für alles eine Zeit. Es gibt eine Zeit zum Reisen und zum Entdecken, es gibt eine Zeit zum Ruhen, es gibt eine Zeit in der man viel arbeitet und Geld verdient, es gibt eine Zeit, seine Wurzel zu entdecken.

Und mir einzugestehen, dass es jetzt nicht mehr meine Zeit war zu reisen, und das zu akzeptieren, ist nicht so einfach, aber fühlt sich so gut an.

Und so kann ich nicht sagen, dass ich das Reisen abschreibe, ich vertraue einfach darauf, dass alles so kommt, wie es kommen muss.

Wie geht’s jetzt weiter hier?

Auf dem Blog werden trotzdem immer noch Geschichten und Tipps aus Thailand und Laos kommen, in meinem Kopf schwirren noch tausend Sachen und Ideen herum, die noch niedergeschrieben werden müssen. Und ansonsten gibt es jetzt auch die Kategorie „Soul“ auf dem Blog, in der auch Dinge kommen werden, die mit dem Alltag hier zu tun haben oder einfach nichts mit dem Reisen zu tun haben.

Nach diesem ewig langem Blogeintrag wünsche ich dir nun noch einen schönen Tag und genieße jeden Augenblick, so wie er ist, denn er ist genau richtig.

**Von Herzen alles Liebe**

Simone <3

Ein Gedanke zu „Coming home

  1. Lisa Ziemelbriedis sagt:

    Liebe Simone,
    danke für deine offenen Worte, wirklich sehr schön geschrieben 🙂
    So ein bisschen kenne ich diese Gefühl, glaube ich. Wie schön ist es, liebe Menschen zu haben, zu denen man zurückkehren kann. Und das wichtigste ist doch immer, auf das Gefühl zu hören. Es leitet uns dahin, wo es uns gut geht.
    Wünsche dir eine tolle Zeit Zuhause, aber auch tolle Reisen, wenn es wieder losgeht 😉
    Liebe Grüße
    Lisa

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